Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!
(Ps 24,7)

Vor bald 400 Jahren lebte in Königsberg ein reicher und stolzer Mann namens Sturgis. Er besaß ein stattliches Haus, in dem er sich sehr wohl fühlte. Doch eines erregte seinen Ärger: In seiner Nachbarschaft stand ein Haus für Arme und Kranke. Immer wieder musste er diese Menschen sehen, wenn er aus dem Fenster sah. Nahe seines Hauses führte ein Weg über eine Wiese, den sie besonders am Sonntag zum Gottesdienst, aber auch unter der Woche nutzten.
Er beschloss die Wiese zu kaufen und ließ schließlich einen hohen Zaun mit zwei Toren um das Stück Land bauen. Dann schloss er ab. Keiner konnte mehr über die Wiese laufen. Manche der Armen waren so gebrechlich, dass der Umweg zur Kirche für sie zu weit war. Sie konnten nicht mehr zum Gottesdienst. Die Stadträte und andere reiche Bürger versuchten Herrn Sturgis umzustimmen. Er solle doch die Tore wieder öffnen, damit der Wiesenweg wieder benutzt werden konnte. Aber Herr Sturgis blieb stur. Als das die Bürger von Königsberg sahen, schüttelten sie den Kopf und wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Dann kam die Adventszeit mit ihren schönen Traditionen. In Königsberg ging damals die Kurrende durch die Straßen und sang Adventslieder. Pfarrer Georg Weissel hatte 1623 zu diesem Anlass ein neues Lied nach Psalm 24 gedichtet: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ (EG 1). Es singt von Jesus Christus, der als König bei uns einziehen will.
Am 4. Advent kam die Kurrende auch zu Sturgis Haus. Der Chorleiter der Kurrende wollte bei ihm aus Ärger nicht singen. Doch auf Zureden von Pfarrer Weissel stimmten sie dieses neue Lied an. Bewohner des Armenhauses, Neugierige und Nachbarn kamen hinzu, um das neue Lied zu hören und auch Sturgis lauschte. Bei der dritten Strophe geschah es:
O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat. Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein. Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn. Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat. (EG 1,3)
Herr Sturgis fing an zu weinen. Nach der fünften Strophe nahm er den großen Schlüssel, ging zu den Toren und schloss sie auf. Seit diesem Tag waren die Tore nie wieder verschlossen und Herr Sturgis hat sich sehr verändert.
Was für eine wunderschöne Geschichte! Ein altes Kirchenlied verändert einen Menschen und eine ganze Stadt. Dort ist Jesus angekommen und mit ihm Freude und Wonne.
Wo sind Tore auch in unseren Orten und Herzen? Wo braucht jemand vielleicht eine liebevolle Aufmerksamkeit wie so ein schönes Adventslied? Wo brauchen wir selbst (ganz neu) diesen sanftmütigen König für unser Herz? Die Zusage gilt auch uns: Wohl allen Herzen insgemein, da dieser König ziehet ein!

Ihr Pfarrer Philipp-Immanuel Albert